Auf
Einladung des Goethe-Institutes in Litauens Hauptstadt Vilnius (von den Polen und auch im
Deutschen Wilna genannt) sprach Günter Grass über das Erinnern und die Vertreibung der
Deutschen als Gegenstand der Erinnerung. Das geschah am 3. Oktober, und die
Frankfurter Allgemeine Zeitung" leitete den Abdruck der Rede des in Danzig
geborenen Schriftstellers auf der ersten Seite mit der Meldung Günter Grass hält
die Erinnerung nicht für teilbar" ein. Wenige Wochen zuvor war bereits gemeldet
worden: Ausgerechnet Günter Grass! Jetzt hat Günter Grass die polnischen
Schriftsteller ermahnt, ein immer noch stark tabuisiertes Thema literarisch aufzuarbeiten:
die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg." Jetzt sagte Günter Grass:
Merkwürdig und beunruhigend mutet an, wie spät und immer noch zögerlich an die
Leiden erinnert wird, die während des Krieges den Deutschen zugefügt wurden."
Man
müsse wogegen niemand etwas einzuwenden haben wird, die Katastrophe des Zweiten
Weltkrieges mit ihren grausamen Folgen für die Bevölkerung zur Kenntnis nehmen und zum
anderen verbiete es sich, das eine Unrecht mit dem anderen zu vergleichen oder gar
aufzurechnen." Festzustellen sei jedoch: Die Folgen des bedenkenlos begonnenen
und verbrecherisch geführten Krieges, nämlich die Zerstörung deutscher Städte, der Tod
Hunderttausender ZiviIisten durch Flächenbombardierung und die Vertreibung, das
Flüchtlingselend von zwölf Millionen Ostdeutschen, waren nur Thema im Hintergrund."
Günter
Grass bezieht auch die unmittelbare Vergangenheit in seine Erinnerung an die Vertreibung
der Deutschen ein, indem er die Ereignisse auf dem Balkan und im Kaukasus nennt,
Ereignisse die wiederum von Flucht, Mord und Vertreibung bestimmt" sind. Schon
deshalb, also angesichts der Aktualität von heute wird das Erinnern als Nachhall
überleben, Leiden nicht aufhören".
Bei der
psychologischen Erklärung des Verhaltens des einzelnen zu seinem selbst erlittenen
Unrecht wird man dem Schriftsteller widersprechen müssen, wenn er ausführt:
Überdies lehrt die Erfahrung, dass sich die Opfer von Gewalt, gleich wer sie
ausgeübt hat, nicht an erlittene Greuel erinnern wollen; sie haben das Recht, vergessen,
ja, verdrängen zu dürfen, auf ihrer Seite." Dem mag auch hier und da so sein, aber
der einzelne und die Gemeinschaft der aus der Heimat Vertriebenen wehren sich dagegen, und
dies aus gutem Grund, wenn die Vergangenheit, die man selbst erlebt und erlitten hat,
nicht zur Kenntnis genommen, ja sogar bewusst und absichtsvoll ausgegrenzt wird.
Darüber reden wir erst gar nicht mehr!", wie das schnelle Wort lautet. Günter
Grass zitiert zum Schluß seiner beachtenswerten und der Zustimmung sicheren Rede den
ungarischen Schriftsteller György Konräd: Erinnern ist menschlich, wir können
sagen, das Humane an sich." Man kann es so formulieren: Das Gedächtnis, die
Erinnerung kann man nicht töten.
Wir
wissen jedoch, dass die Erinnerung an all das, was die deutschen Heimatvertriebenen nicht
nur an Leid, sondern auch an menschlichen Grausamkeiten und als Opfer von Orgien der Rache
erfahren haben, bei uns tabuisiert worden ist und wohl auch immer noch tabuisiert wird.
Beginnt jemand zu erzählen und zu berichten, wird ihm gar zu gern Schweigen empfohlen,
weil doch zuvor auch Furchtbares geschehen sei. Niemand will und wird dies leugnen, aber
das eine Unrecht rechtfertigt nicht das nächste. Ein Unrecht verdrängte das
andere", wie es Günter Grass jetzt gesagt hat.
Es ist
nicht nur der Menschliche Umgang mit der Erinnerung, denn es gibt kein Verbot der
Erinnerung, immer wieder muß auch an die geschichtlich wahrhafte Darstellung der
Vertreibung und an die Aufarbeitung durch die Handelnden unserer Tage gemahnt werden. So wie es keinen vernünftigen Grund gibt,
zu bestreiten von wem der Zweite Weltkrieg entfesselt worden ist, gibt es keinen
vernünftigen Grund, auch die Beschlüsse der drei Siegermächte in Potsdam 1945 nicht,
die Vertreibung zu rechtfertigen.
Aber es
darf mit Zustimmung festgestellt werden, dass jetzt auch Günter Grass die Vertreibung so
nennt und nicht mehr beschönigend wie in früheren Jahren nur eine
Bevölkerungsverschiebung", wie dies auch in den berüchtigten
deutschpolnischen Schulbuchempfehlungen des Jahres 1976 zu lesen ist. Und er ruft dazu
auf, dem Erinnern dieses nicht zu versagen oder gar vorzuwerfen. Fluch und
Gnade" nennt der Danziger das Erinnern. Fluch, indem die Fähigkeit (sich zu
erinnern) nicht von uns ablässt, Gnade, in dem sie den Tod aufhebt."
Es ist doch so,
dass die Erinnerung die Vergangenheit zur Gegenwart erhebt, ihr Raum, Zeit und geistige
Kraft erschließt. Das Tor zum Erinnern, auch und ganz bewusst an die Vertreibung aus der
Heimat, als deutscher Schriftsteller geradezu demonstrativ aufgestoßen zu haben, war und
ist eine gute Tat. Herbert Hupka
(SN)
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