Aussiedlerbeauftragter Jochen Welt
warnt Landsmannschaften und BdV

Arnulf Hein

Der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Jochen Welt (SPD), hat "mit Besorgnis registriert", dass in Teilen der deut­schen Minderheit in Oberschlesien aus den Reihen der Landsmannschaften versucht werde, mit revanchistischem Gedankengut Fuß zu fassen.

Diese Initiativen" der Landsmannschaft Schlesien und der Landsmannschaft der Ober­schlesier wertet Welt eindeutig als Verstoß gegen die 4 plus 2‑Verträge, den Freund­schaftsvertrag mit Polen und die gutnachbar­schaftlichen Beziehungen". Konkret konnte sich Welt nach seiner Rückkehr aus Polen, wo er am 20. und 21. März u.a. mit Vertretern der Minderheitenvereine und der polnischen Regierung zusammentraf, allerdings nicht äußern, trotz seiner schweren Vorwürfe.

Sollten sich die Erkenntnisse verdichten", so Welt in einer vom Bundesministerium des Innern verbreiteten Presseerklärung, daß von einigen Revanchisten in der Bundesrepublik Deutschland versucht wird, Einfluss auf die Strukturen der deutschen Minderheit in Polen auszuüben und damit eine neue Isolationspo­litik eingeläutet wird, wird die Bundesregier­ung mit aller Schärfe reagieren." Dazu würde dann auch gehören, dass die Minderheitenverbände bei nachweislichen Kontakten zu rechtsextremen Organisationen" nicht mehr von Seiten der Bundesregierung gefördert werden könnten. Wir werden diese Hinweise sehr ernst nehmen und schnellstens versuchen, eine Klärung herbeizuführen."

Auch der Bundesverband der Vertriebenen (gemeint ist der Bund der Vertriebenen Anm. d. Red.) sollte seine Einflussmöglichkeiten wahrnehmen und für die aktive Verständigung nach Polen werben", forderte Jochen Welt. Die deutschen Vertriebenen können kein Interesse daran haben, dass der mühsam erreichte Verständigungsprozess von engen irregeleiteten und verstockten Extre­misten gestört wird."


Rufmord durch Welt

von Alfred Theisen

Seit dem Abtreten der Kommunisten sind praktisch keine Revanchismusvorwürfe mehr an die Adresse der Landsmannschaften der deutschen Vertriebenen erhoben worden. Sie geistern vereinzelt in den Diskussionen Ewiggestriger in der Bundesrepublik Deutschland, sind aber kaum noch in den Nachbarländern zu vernehmen. Im Gegenteil, als zum Beispiel vor einiger Zeit ein „grüner" Oberstadtdirektor im niedersächsischen Hameln die Patenschaft zu den vertriebenen Schlesiern aus dem Kreis Neumarkt wegen Revanchismusverdachts aufheben wollte, kam heftiger Widerstand aus der polnischen Stadtverwaltung im heutigen Neumarkt. Polnische Kommunalpolitiker nahmen verdiente Schlesier vor den gegenstandslosen Attacken des deutschen Oberstadtdirektors in Schutz. Sie wiesen auf ihre hervorragenden Kontakte zu den vertriebenen Schlesiern hin, deren Repräsentanten im heutigen Neumarkt immer willkommen seien. Auch, so die polnischen Kommunalpolitiker, würde man gerne an den Heimatkreistreffen der Neumarkter in Hameln teilnehmen.

Die vor allem von den vertriebenen Niederund Oberschlesiern vorangebrachte Verständigung in deren Heimatgebieten gehört zu den von Politikern und Medien viel zu wenig gewürdigten erfreulichen Entwicklungen im heutigen Europa. Natürlich sind noch viele Fragen offen und die durch die Wirren des vergangenen Jahrhunderts aufgerissenen Wunden heilen nur langsam. Wer in diesem Bereich tätig wird, muss viel Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis aufbringen

In diesen Tagen erleben wir leider das Gegenteil. Wenn der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Jochen Welt, die Landsmannschaften den Verdacht aussetzt, in den Oder‑Neiße‑Gebieten revanchistisches Gedankengut zu verbreiten, so bedeutet dies eine Breitseite gegen all diejenigen, die aus den Reihen der Vertriebenen guten Willens in ihrer Heimat aktiv sind. Denn Welt erhebt einen pauschalen Vorwurf, ohne konkrete Fakten wie zum Beispiel Orte, Namen und auch Inhalte zu nennen, von denen sich distanziert werden könnte. Er geht direkt an die Öffentlichkeit, ohne vorher die Vorsitzenden der Landsmannschaften konsultiert zu haben. Bei unkundigen Bürgern, Journalisten, Lehrern und Politikern werden so die deutschen Vertriebenen herabsetzende Vorurteile geschürt. Nach den rigorosen Mittelkürzungen der vergangenen Jahre und der zunehmenden Ausgrenzung der Landsmannschaften als Mittlerorganisationen für Hilfsmaßnahmen in den Heimatgebieten, bedeutet dies eine weitere schallende Ohrfeige aus den Reihen der rot­grünen Bundesregierung für die Nieder‑ und Oberschlesier.

Es bleibt nur die begründete Hoffnung, dass ungeachtet fortschwelender nationalistischer Ressentiments auf beiden Seiten das Fundament der Verständigung zwischen Deutschen und Polen im heutigen Europa so stark geworden ist, dass es weder durch deutsche oder polnische Skinheads noch durch unverantwortliche, zündelnde Äußerungen deutscher oder polnischer Politiker erschüttert werden kann.