Defizite in der Streitkultur
von Ti11 Scholtz-Knobloch

Eigentlich sollte auch die diesjährige Bezirksversammlung der Deutschen im Oppelner Land in altgewohnter, demonstrativer Geschlossenheit durchgezogen, werden. Doch unter den fast 200 Dele?1 gierten saß auch der Sejmikabgeordnete Hubert Beier der über ein Interview mit seinem Fraktionskollegen, Vizemarschall Ryszard Galla, im Oppelner Regionalteil der Gazeta Wyborcza vom Vortag ganz und gar nicht glücklich sein konnte und sich in der Wortwahl bei seiner Kritik am Vizemarschall vergriff. Dabei hätte aber auch Galla wissen müssen, dass er mit seinen so kurz vor der Versammlung getroffenen Äußerungen mächtig zündelte Natürlich hatte der Vorwurf, dass die vermeintlich überzogenen Ansprüche zum. Umfang des Kulturetats für die Minderheit innerhalb des Haushaltes der Woiwodschaft von "Rechten" kämen, die "sich als Kandidaten aufstellen liessen", zuvorderst Beier angesprochen, dessen Name zwar an anderer Stelle, jedoch als einziger innerhalb des Interviews genannt wurde. Auch wenn der Vizemarschall im Gegensatz zu Beier in souveräner Weise sachlich blieb und bemerkte, das Interview sei nicht autorisiert gewesen, so fehlte doch ein Dementi.
Ein Großteil des ganzen mit Wortentzug und Verrätervorwürfen angereicherten Prozederes, muss also in die Rubrik Psychologie eingeordnet werden. Einübriges trat der Umstand, dass sich das: Tagungspräsidium unvorbereitet manchen diskussionsbedürftigen Delegierten gegenübersah. Auch wenn viele der Anwesenden Beiers Auftritt lautstark abzuwürgen versuchten, was übrigens auch mangelnde Streitkultur offenbart und nach Gallas Worten ostentativ stehende Ovation zollten, sollte nicht unterschlagen werden, dass manche, von jahrelanger Akklamation scheinbar Gelang weilte, Beiers Ausführungen mutig mit Beifall honorierten. Dies sollte insbesondere als neuerliches Warnsignal nach dem Streit mit dem früheren VdG?Präsidenten Bartodziej ernstgenommen werden, hatte doch Heinrich Kroll noch in seinen einleitenden Worten postuliert, "dass unsere Gesellschaft Einzelgänger nicht akzeptieren will und wird".
Neben den menschlichen Opfern des Streites ist auch die Sache selbst zum Verlierer geworden. Als einziger fand nämlich Vorstandsmitglied Johann Lehnort zum Thema zurück, als er konstatierte, es gäbe tatsächlich Nachholbedarf bei der Umsetzung kultureller Belange der Deutschen in der Woiwodschaftsverwaltung.

Die entglittene Stallregie sollte ins Bewusstsein rufen, dass nach über 10 Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs noch allzu oft offene Diskussionen gemieden werden. Dabei ist die Angst, in der Öffentlichkeit uneinig wahrgenommen zu werden, fast pathologisch. Der Verweis der Presse von der Veranstaltung ist hierfür nur ein Symptom. Dabei hat sich die Berichterstattung in der Tagespresse über die Jahreshauptversammlung als fair und sachlich erwiesen. Wenn sich die Minderheit Zeit für komplexe Diskussionen lässt, diese unverkrampft ausdiskutiert, und die Delegierten sich bekennen, oberstes Beschluss und Kontrollorgan des Verbandes zu sein,, dann hat die Minderheit einen wichtigen Schritt getan, als emanzipierter Bestandteil einer offenen Bürgergesellschaft wahrgenommen zu werden.

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