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Unbelehrbar
von Alfred Theisen

Der zehnte Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch polnischen Nachbarschaftsvertrages; hat eine Fülle von offiziellen Reden, Aufsätzen und Erklärungen zur Folge. Bislang'. jedoch klingen die regierungsnahen Ausführungen aus Berlin und Warschau zu öberfächlich und schönfärberich. Sie werden weder der. realen Lage der deutsch-polnischen Beziehungen noch der deutsch polnischen Interessengemeinschaft im heutigen Europa gerecht. Zu. wenig ist in den vergangenen zehn Jahren geschehen, um die deutsch-polnischen Beziehungen im europäischen Geist zu beleben, und. die Oder-Neiße-Grenze durchlässiger zu machen. Diese Kritik ist vor allem an dieq deutsche Seite zu richten, wo selbst in den die Republik Polen angrenzenden Bundesländern nach wie vor große Unwissenheit über' den östlichen Nachbarn anzutreffen ist. An Rhein, Elbe, Weser und Main interessiert man sich für den Osten kaum mehr, als man es zu Zeiten derMauergetan hat. Einen Lichtblick stellen unzählige kommunale Partnerschaften oder auch Jugendbegegnungen dar, die jedochkaum einen grundlegenden Wandel zu größerer Hinwendung zum polnischen Nachbarin bewirkt haben. Folgende zwei Aspekte zum Beispiel finden bisher in den offiziellen Erklärungen keine Erwähnung:

Erstens, das um seine innere Balance ringende Europa braucht heute noch eher eine stabile deutsch polnische Partnerschaft, wie das nach dem Il. Weltkrieg dahintaumelnde Westeuropa die deutsch-französische Achse benötigte. Die Diskussionen innerhalb der Europäischen Union zeigen, daß Spanien, Italien, Frankreich und ändere in erster Linie die Wahrung eigener Besitzstände vor Augen haben. Diese Länder verzögern und erschweren seit Jahren eine Öffnung der EU nach Osten, die auch Deutschland aus seiner heutigen Randlage befreien und der bislang voii viel versprechenden Ostmärkten immer noch zu stark abgeschotteten deutschen Wirtschaft erhebliche Wachstumsimpulse bescheren körnte. Nach wie vor droht der vor gut zehn Jahren vom sowjetischen Joch befreite Teil Europas mittelfristig zu einer wieder von despotischen Regimen beherrschten und in erster Linie Kriminalität exportierenden Region zu degenerieren. In Warschau verfolgt man sensibel die Entwicklung in der Ukraine, in Georgien oder Weißrußland. Polnische Politiker bezeichnen ihr Vaterland als Anwalt dieser für das Schicksal Europas keineswegs unbedeutenden Nationen. Diese wichtige Aufgabe, ein starker Anwalt der östlichen Reformstaaten im heutigen Europa zu sein, kann das selbst mit existentiellen Problemen ringende Polen allein nicht erfüllen. Dazu braucht Warschau Berlin. Die Herausforderung der Stabilisierung Osteuropas preßt heute Deutsche und Polen in eine Schicksalsgemeinschaft.

Der zweite Punkt ist die mangelnde Bereitschaft beider Regierungen, sich den durch die Vertreibung aufgerissenen Wunden wirklich zuzuwenden. Mit dem allmählichen Abtreten der Erlebnisgeneration der Vertriebenen schwindet auch die Chance, diese Menschen in würdevoller Weise in die Gestaltung der deutsch polnischen Beziehungen einzubinden. Die Komplimente deutscher Politiker für die Brückenfunktion der Vertriebenen in deren Heimatgebiete bleiben schal, solange die Nieder- und Oberschlesier, die Sudetendeutschen, Pommern und Ostpreußen nicht nachhaltiger auf ihrem Weg in die Heimat unterstützt werden. Vor diesen Vertriebenen und Aussiedlern sowie deren Nachkommen, die niemanden erneut vertreiben, sondern das gemeinsame Aufbauwerk in der Heimat voranbringen wollen, muß sich heute niemand fürchten. Sie stellen ein großes Potential für wirkliche deutsch polnische Verständigung dar, das von der Politik nicht erstickt sondern genährt werden sollte.
Leider besteht jedoch die Gefahr, daß selbstgefällige Staatsmänner in Berlin und Warschau vor lauter eigenem Weihrauch die wirklichen Herausforderungen im deutschpolnischen Verhältnis nicht erkennen, zum Schaden Deutschlands, Polens und Europas.