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| Polens
Zugang zur EU - wann und wie ? |
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Dr. Herbert Hupka
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I.
Plötzlich hatte der Kommissar, der verantwortlich ist für den Beitritt neuer
Mitgliedstaaten zur Europäischen Union, Günter Verheugen, ein Plebiszit über den
Zutritt der Anwärter auf die EU-Mitgliedschaft vorgeschlagen. Es sollten die Neuzugänge
von einem demokratischen Votum bestätigt werden. Gleichzeitig wurde von Verheugen
nachträglich bedauert, dass über die Einführung der neuen europäischen Währung, des
EURO, nicht durch eine Volksbefragung entschieden worden sei. Man hat diesen wohl etwas
eigenwillig betriebenen Vorstoß des Brüsseler Kommissars als die Errichtung einer
Barriere, zumindest aber als eine beabsichtigte Verzögerung der Neuzugänge aufgefasst.
Fast täglich erreichen uns die Nachrichten, dass einer der EU-Anwärter, Polen, sich
schlecht behandelt und nicht richtig verstanden fühlt. |
II.
Unter den ersten sechs Beitrittskandidaten ist die Republik Polen mit nahezu 40
Millionen Einwohnern das größte Land. Und es versäumt auch nicht, gerade deswegen auf
seine Ausnahmeposition zu pochen. Zu den anderen fünf Kandidaten der ersten Welle zählen
Tschechien, Ungarn, Slowenien, Estland und Zypern. Es könnte durchaus sein, so wurde in
Brüssel Polen verdeutlicht, allerdings mehr in Zwischentönen als in brutaler Direktheit,
dass Polen noch in vielen der zu erbringenden Vorleistungen und Anpassungsprozeduren
nachhinke. Die Folge könnte sein, dass Polen nicht unter den ersten Sechs dabei ist. Dies
scheint im Augenblick wieder ausgeräumt zu sein. Aber da gibt es die ständige Diskussion
über das Datum des Beitritts zur Europäischen Union. Das Zahlenspiel reicht inzwischen
von 2002 bis 2005, ja sogar bis 2007. Erregung unter den anderen EU-Anwärtern wurde
ausgelöst, als man davon gesprochen hat, die zu erfüllenden Bedingungen für einen
Beitritt im Falle Polens niedriger anzusetzen oder gar ganz aufzuheben. Gleiches Recht
für alle, niemand darf bevorzugt werden, so wie andererseits Polen Wert darauf legt,
nicht benachteiligt zu werden. Man sollte jedoch, dies ist wiederholt aus Warschau in
Richtung Brüssel zu vernehmen, die Besonderheit der Rolle Polens im künftigen Europa
respektieren.Etwas Solidarität von Seiten der EU täte gut', so argumentierte Leszek
Balcerowicz kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Er ist
Vorsitzender der Freiheitsunion, der eigentlichen Europa Partei, bis vor kurzem war er
stellvertretender polnischer Ministerpräsident. Gemeint ist die Neuordnung der polnischen
Agrarwirtschaft und die Beschaffung von Arbeitsplätzen als Folge der dringend notwendigen
Umstellung des Agrarmarktes. Der hier sich manifestierende Grundsatz: Die EU muss sich
schon dafür anstrengen, damit wir Polen Mitglied der EU werden! |
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III.
Leider sind sowohl deutsche als auch polnische Vorbehalte im Gespräch, wenn es um
Polens Beitritt zur EU geht. Während der inzwischen schon zum Ritual gewordenen
offiziellen Begegnungen, nach Möglichkeit auf höchster Ebene, wird nicht darüber
gesprochen, denn man will Schönwetter verbreiten. Auf der deutschen Seite geht es um eine
angeblich drohende Überschwemmung mit polnischen Arbeitskräften, wenn Polen EU-Mitglied
ist. Balcerowicz hat dies irrational übertrieben" genannt, wenn deutscherseits
von einer drohenden massenhaften Zuwanderung nach dem Tage X gesprochen wird. Dies ist
übrigens auch die Auffassung der gegenwärtigen Oppositionspartei, der SLD, (morgen
wahrscheinlich stärkste Regierungspartei?), als die Sprecher der ostdeutschen
Landsmannschaften diese Frage während ihrer drei Begegnungen seit 1998 erörterten.Das
andere große Thema betrifft uns Deutsche, es ist die Frage des Rechts auf die Heimat, die
Frage der Freizügigkeit. Aus Brüssel war zu hören, dass man seitens der polnischen
Unterhändler an eine Ausnahmeregelung von bis zu 18 Jahren denkt, um auf diese Weise die
Freizügigkeit und die Berufung auf das Recht auf die Heimat zu verhindern! Auch in diesem
Punkt stimmten die Repräsentanten der SLD den Sprechern der Vertriebenen bei ihrem Nein
zu derartigen Ausnahmeregelungen zu. Aber eine Opposition tut sich darin wohl leichter. |
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IV.
Weil in der Bundesrepublik Deutschland, vor allem vom Deutschen Gewerkschaftsbund auf
die Vorbehalte bezüglich der polnischen Arbeitskräfte gepocht wird, ist zum einen die
gegenwärtige Bundesregierung bereit, darauf einzugehen, und zum anderen dann auch
willens, den polnischen Vorbehalten zum Nachteil der Inanspruchnahme des Rechts auf die
Heimat und der Freizügigkeit zuzustimmen.Leider laufen die erreichbaren Nachrichten auch
dahin, dass die derzeitige Opposition (CDU/CSU und FDP) dem einen wie dem anderen
Vorbehalt nicht gerade wirkungsvoll widerspricht! Aber es muss gefordert werden, dass der
Beitritt Polens nicht mit Vetos und unüberwindbaren Barrieren verbunden wird. Die Medien
schweigen sich (aber zustimmend) aus, im vorauseilendem Gehorsam gegenüber der
Bundesregierung und den Tendenzen in der Republik Polen. |
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V.
Nicht anders verhält es sich, sobald von den Sprechern der Vertriebenen - wer täte es
sonst! -die zwischen den beiden Nachbarn offenen Fragen thematisiert werden.
Bundeskanzler Gerhard Schröder hat zum Tag der Heimat am 3. September in Berlin den Satz
wiederholt, dass die aus der jüngsten Vergangenheit herrührenden offenen Fragen eben
keine offenen Fragen mehr sind, dass deshalb über all diese Fragen nicht mehr
gesprochen wird. Das heißt, der Schlussstrich, wie ihn die kommunistische Diktaturgezogen
hat, gilt. Es darf nicht über die Aufarbeitung des Verbrechens der Vertreibung, nicht
über die offene Frage des Eigentums, und sei es eine moralische und politische
Verurteilung des Eigentumsentzugs, nicht über die Verurteilung von Schuldigen, nicht
über das Recht auf die Heimat, nicht über doppelte Ortsnamen in der Heimat der
Vertriebenen, wo immerhin heute etwa 800 000 Deutsche leben, gesprochen werden. Aber es
gehört zur europäischen Wertegemeinschaft, dass es keine Tabus geben darf, dass Probleme
als solche erkannt und einer Lösung zugeführt werden, dass bewusstes Verschweigen sowohl
als Unehrlichkeit wie auch als bewusstes Täuschungsmanöver bezeichnet werden muss.
Dieses Verschweigen gehört mit zu den Vorbehalten, die sich zur Zeit mit dem Beitritt
Polens zur Europäischen Union verbinden. |
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VI.
Mit Ausnahmeregelungen und Ängsten, einmal vor polnischen Arbeitskräften, das andere
Mal vor Deutschen, die das Recht auf die Heimat in Anspruch nehmen könnten, lässt sich
das zukünftige Europa nicht bauen. In Polen wird seit langem innenpolitisch viel Stimmung
gegen Europa gemacht, und das ist nur zu beklagen, aber es darf auch nicht dahinkommen,
dass mit Vorurteilen, Vorbehalten und Schweigegebot die zukünftige Zugehörigkeit Polens
zur Europäischen Union bereits im Vorfeld auf das schwerste belastet wird. |
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