Beispiele aus jüngster Zeit. Am 6.
Dezember 2000 war Bundeskanzler Gerhard Schröder in Warschau, sprach im Sejm, was
bestimmt eine Auszeichnung gewesen ist, und ehrte den früheren Bundeskanzler Willy
Brandt. Er nannte in seiner Rede zwar die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, das Leid
des polnischen Volkes und die Geste des Kniefalls von Brandt am 7. Dezember 1972 vor dem
Warschauer Ghetto-Denkmal, aber dass es auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges die
grausame Vertreibung der Deutschen durch Angehörige des polnischen Volkes gegeben hat,
wurde totgeschwiegen. Also sollte man zu dem Schluss kommen, dass es außer Krieg, den
unmenschlichen Folgen für das polnische Volk bis 1945 und dem Kniefall von Willy Brandt
1972 im deutsch-polnischen Verhältnis nichts Berichtenswertes mehr gegeben hat.
Assistiert wurde der Bundeskanzler von
Manfred Stolpe, dem Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg. Als in der Presse der
Text der Rede des Bundeskanzlers vom 6. Dezember in Warschau zu lesen war, konnte man
gleichzeitig einen längeren Aufsatz von Manfred Stolpe lesen, in dem gleichfalls vom
Zweiten Weltkrieg und den Leiden des polnischen Volkes die Rede gewesen ist, und dann
folgte die Huldigung für Willy Brandt, schließlich noch der Ausblick auf eine gute
deutschpolnische Nachbarschaft. Wiederum aber blieb ein Ereignis nicht genannt, das zur
Geschichte zwischen Deutschen und Polen gehört, geht man mit der Geschichte ehrlich um:
die Vertreibung der Deutschen.
Warum diese Schönschrift, wenn es um das
Verhältnis zwischen Deutschen und Polen geht. Wir wissen, in den Jahrzehnten der
kommunistischen Diktatur war das Thema Vertreibung tabuisiert, denn eine Vertreibung der
Deutschen durfte es nicht gegeben haben. Das hatte sich bis in die Verlogenheit der
deutsch-polnischen, Schulbuchempfehlungen geschichtswidrig fortgesetzt. Aber heute besteht
doch gar kein, Grund, aus Gefälligkeit dem polnischen Nachbarn gegenüber zu
verschweigen, was ein geschichtsnotorisches Ereignis gewesen ist. In Polen selbst wird über die Vertreibung der
Deutschen freimütig geredet und auch debattiert. Noch wird eine
unterschiedliche Argumentation vorgetragen, aber Thema und Faktum Vertreibung ist nicht
mehr Tabu. Wenn das offizielle Deutschland über die Vertreibung schweigt, so könnte
polnischerseits geschlussfolgert werden, besteht doch für uns Polen gar kein Grund mehr,
uns mit dem Unrecht und Verbrechen der Vertreibung zu befassen!
Man sollte sich der deutschen Politik
nicht so verhalten, als täte man unserem polnischen Nachbarn einen Gefallen, wenn man
erst gar nicht erwähnt, was zwischen Deutschen und Polen die Vergangenheit und die
Gegenwart betrifft. Warum tut das die deutsche Politik, dass sie über die Vertreibung der
Deutschen hinweggeht, als sei diese gar nicht geschehen. Die Frage kommt hoch: warum redet
und handelt die deutsche Politik so, welche Hintergedanken sind hier im Spiel? Was nun
einmal geschehen ist, kann nicht ausgeklammert werden, und tut man dies, indem geschwiegen
wird, so erwacht auf der anderen Seite Misstrauen, und der Eindruck einer bewussten
Unehrlichkeit setzt sich fest.
Niemand erwartet, dass pathetische
Anklagereden gehalten werden, niemand nimmt an, dass ein aggressiver Sprachton erklingen
müsste, wenn die Vertreibung beim Namen genannt wird. Aber es ist nicht begreiflich, dass
man seitens des offiziellen Deutschlands so tut, als sei man klug beraten, wenn man sich
mit der halben Wahrheit bei dem Bericht über das deutsch-polnische Verhältnis begnügt.
Hat eine Vertreibung der Deutschen überhaupt stattgefunden und wann, so muss gefragt
werden, nachdem so beharrlich geschwiegen wird.
Aber nicht nur die Vergangenheit darf und
sollte erinnert werden, die ungeteilte Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart ist mit
vielen offenen Fragen zwischen Deutschen und Polen verbunden. Auch darüber zu sprechen,
diese Fragen zu thematisieren, Lösungen anzustreben, gehört zum politischen Handwerk.
Man hört allerdings nur etwas von einer deutschen Unterstützung und durchaus
berechtigten Befürwortung eines Beitritts Polens zur Europäischen Union, aber nichts
davon, dass immer noch eine offizielle Verurteilung des Verbrechens der Vertreibung und
des Eigentumsentzuges aussteht, dass das Recht auf die Heimat zu den moralischen
Verpflichtungen der Mitglieder der Europäischen Union gehört, dass man an die
Zweisprachigkeit der Ortsschilder in den von Deutschen bewohnten Gemeinden erinnert, dass
die seinerzeitigen deutschen Zwangsarbeiter nicht weiter totgeschwiegen werden. Es
dürften nicht immer gleich endgültige Lösungen zu erwarten sein, aber zuerst müssen
die offenen Fragen angesprochen und zur Kenntnis genommen werden.
Warum die permanente Ängstlichkeit, im
deutsch-polnischen Verhältnis aufrichtig miteinander umzugehen? Der so gern ausgerollte
rote Läufer der Staatsakte muss endlich eingerollt werden, um zur Sache zu kommen. Und
diese Sache betrifft die uneingeschränkte Vergangenheit und offene Gegenwart. Die
deutschpolnische Nachbarschaft ist in zu hohes Gut, um sie in symbolträchtigen Ritualen
erstarren zu lassen, auf Kosten der Ehrlichkeit und Wahrheit. Wir sollten endlich
aufhören, immer nur in Schönwetter zu machen.
Herbert Hupka (SN)
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