Martin Walser
Tod eines Kritikers
Eine Leseprobe I. Verstrickung

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Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum –, das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe, von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse, Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere Erlebnis- und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum, nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche. Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern und Frauen, sondern mit Gott …
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich, eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt, der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland bin, zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE »dran« waren, nachher zur Party einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags, aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André Ehrl-König tätlich werden wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen. Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden, eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen. München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man, wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat. Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei. Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten. Manchmal spricht man, wenn man genau zu sein versucht, wie ein Ausländer.
Weil ich zu hastig aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte, vergessen, ihn mir wiederzugeben. Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem Feld. Und keine Erklärung. Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein is afgehaakt. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten. Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und München-Bogenhausen zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet, berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans Lach und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von einander entfernt wohnen. Er in der Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen, hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als ich. Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik, Kabbala, Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht, weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen genannt. Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach meiner Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen lassen wollte oder konnte. Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese Einladung beschert hatten. Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch Gershom Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte, gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik, Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er hatte, bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese Besprechung nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit Gershom Scholem befreundet gewesen sei
Hans Lach führte sein Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich. Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn, Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen habe. Diese Schmähfloskel stammte deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die, die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich, wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer der Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt. Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt. Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben, die viel ernsthafter seine Freunde waren als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München. Und hinaus nach Stadelheim.